Wie eine Seniorin und eine Doktorandin Leipzigs Wohnungsnot trotzen
Ein ungewöhnliches Wohnmodell in Leipzig bringt eine verwitwete Seniorin und eine türkische Doktorandin zusammen
Dorothea Stier, die seit dem Tod ihres Mannes allein in ihrem Haus lebte, teilt sich nun ihren Lebensraum mit Kardelen Gökcedağ – eine Lösung, die beiden Frauen nicht nur finanziell entlastet, sondern auch emotionalen Halt gibt. Ermöglicht wurde diese ungewöhnliche Wohngemeinschaft durch ein lokales Projekt, das auf Leipzigs steigende Mieten reagiert.
Vor über 30 Jahren zog Dorothea Stier mit ihrem Mann und drei Kindern in das Haus am südöstlichen Rand Leipzigs. Nach dem Tod ihres Mannes und dem Auszug der Kinder blieb sie in dem großen Anwesen zurück – bis Kardelen Gökcedağ, eine Doktorandin aus der Türkei, auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum in der Stadt auf sie traf.
Die beiden Frauen fanden über RaumTeiler zueinander, eine Initiative der Leipziger Studentenwerke, die Studierende mit Wohnungsanbietern zusammenbringt, die bereit sind, ihr Zuhause zu teilen. Gökcedağ zahlt für ihr 15 Quadratmeter großes Zimmer mit eigenem Duschbad, WC und einer kleinen Kochnische monatlich 300 Euro – deutlich weniger als der Leipziger Durchschnittspreis für WG-Zimmer, der 2025 bei 512 Euro lag und damit fast vier Prozent höher ausfiel als im Vorjahr.
Für Dorothea Stier bedeutet die gemeinsame Wohnsituation vor allem eines: das Ende der Einsamkeit in den eigenen vier Wänden. Kardelen Gökcedağ wiederum schätzt die Ruhe am Stadtrand, die ihr ermöglicht, sich auf ihr Studium zu konzentrieren. Mit einem unbefristeten Mietvertrag plant sie, bis zum Abschluss ihrer Doktorarbeit zu bleiben.
Ihr Beispiel zeigt, wie dringend kreative Wohnlösungen in Deutschland benötigt werden. Über 83 Prozent der Studierenden in Universitätsstädten leben in Regionen, in denen die Mieten die BAföG-Wohnpauschale von 380 Euro übersteigen. Während Leipzig mit RaumTeiler ein erfolgreiches Modell vorlegt, fehlen vergleichbare Initiativen in anderen Großstädten. Stattdessen setzen Metropolen wie Hamburg auf groß angelegte Projekte – etwa den Bau von 3.000 neuen Wohnheimplätzen bis 2030 – oder wie Potsdam-Golm auf 423 Studentenkleinwohnungen ab 2026.
Die ungewöhnliche Wohngemeinschaft hat beiden Frauen Stabilität gebracht: Dorothea Stier muss die Einsamkeit in ihrem langjährigen Zuhause nicht mehr fürchten, und Kardelen Gökcedağ hat in einer Stadt mit explodierenden Mieten eine bezahlbare Bleibe gefunden. Ihre Geschichte unterstreicht, welch praktischen Nutzen lokale Projekte wie RaumTeiler angesichts der anhaltenden Wohnungsnot für Studierende in Deutschland haben.






